Test

Europa Universalis IV im Test

Europa Universalis IV ist ein überaus kniffliges Strategiespiel, in dem du einen Staat aus dem 15. Jahrhundert übernimmst und versuchst, dein Herrschaftsgebiet auf Kosten deiner Nachbarn auszuweiten.

Das Spiel findet auf einer realen und sehr detaillierten Weltkarte statt. Es stehen hunderte an spielbaren Nationen zur Verfügung, die sich aber nicht so sehr voneinander unterscheiden, wie man es etwa von Sid Meier’s Civilization gewohnt ist. Der wichtigste Unterschied zwischen den Nationen ist die Startposition an sich: Wer etwa Frankreich oder die mächtigen Osmanen auswählt, wird ein leichteres Spielerlebnis haben als der Herrscher eines Kleinstaats wie Athen. In letzterem Fall winkt schon bald der Verlust der Heimatprovinz und somit das „Game Over“.

Die für Frankreich bekannte Welt im Jahr 1444. Nationen, die sich hier im Nebel des Krieges befinden, sind ebenfalls spielbar!

Eine offizielle Siegbedingung gibt es in Europa Universalis IV nicht. Es handelt sich also um ein Sandbox-Spiel, in dem du dir deine eigenen Ziele setzt.

Diplomatie und Eroberung

Obwohl Europa Universalis dich in die Geschichte der frühen Neuzeit eintauchen lässt und mit Massen an historischen Events und Spielmechaniken glänzen kann, so ist es im Kern ein Diplomatie- und Eroberungssimulator, bei dem die historische Atmosphäre anders als etwa bei Victoria 2 gar nicht die entscheidende Rolle spielt.

Das anspruchsvolle Diplomatiesystem erlaubt es dem Spieler, sich gegen Angriffe der KI abzusichern oder die eigenen Eroberungen zu erleichtern. Man muss sich oft zwischen mehreren möglichen Verbündeten entscheiden, da die KI-gesteuerten Länder ihre eigenen Agenden haben – und sich wahrscheinlich nicht mit dem Spieler verbünden wollen, wenn man schon ein Bündnis mit ihren Rivalen eingegangen ist.

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In diesem Menü wählen wir drei mögliche Rivalen aus. Die Wahl hat Konsequenzen!

Auch die Frage „verbünden oder angreifen“ ist durchaus wichtig, da man sich nach dem Schließen eines Bündnisses nicht einfach so umentscheiden kann. Ein Bündnisbruch ist zwar jederzeit möglich, führt aber automatisch zu einem fünfjährigen Waffenstillstand – was also dem anderen Land genug Zeit gibt, um sich anderswo nach Verbündeten umzuschauen (oder aber von einem mächtigeren Nachbarn erobert zu werden, während man selbst nur zusehen kann).

Im Krieg geht es schließlich darum, durch das Gewinnen von Schlachten und Belagerungen den eigenen Kriegspunktestand zu erhöhen, bis dieser ausreicht, um die eigenen Forderungen durchzusetzen. Dabei beginnen Schlachten automatisch, wenn sich die eigenen und die feindlichen Truppen in der selben Provinz befinden und werden anders als in Total War nicht visuell dargestellt. In der Schlacht selbst kann der Spieler nicht intervenieren. Man muss schon vorher dafür sorgen, dass die Chancen auf einen Sieg möglichst groß sind – etwa indem man den Gegner in leicht zu verteidigendes Terrain lockt. Am wichtigsten ist aber, dass man genug Truppen zur Verfügung hat.

Eine Schlacht in Europa Universalis IV

Dabei muss erwähnt werden, dass man Kriege nicht beliebig beginnen kann. Man benötigt erst einmal einen triftigen Grund – etwa einen Anspruch auf eine gegnerische Provinz, den man mithilfe eines Diplomaten fingieren kann (Diplomaten sind in Europa Universalis IV gleichzeitig auch Spione). Wer ohne Grund den Krieg erklärt, handelt sich einen heftigen Malus ein.

Da die Engländer französisches Kernland besetzen, haben wir hier automatisch einen Kriegsgrund

Kriege können in Europa Universalis knifflig werden, da man durch die eigene Rekrutenreserve und auch durch den eigenen Geldbeutel begrenzt ist. Solange man noch Rekruten zur Verfügung hat, werden diese automatisch eingesetzt, um die Verluste in der eigenen Armee auszugleichen. Das kostet aber teilweise so viel Geld, dass der Staat in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät.

Wenn man keine Rekruten mehr zur Verfügung hat, können die eigenen Truppen auch nicht mehr verstärkt werden. In diesem Fall bleibt nur noch das Anheuern von Söldnern. Diese sind aber in der Regel teurer als normale Truppen und auch nicht unbegrenzt verfügbar.

Friedensverträge sind frei verhandelbar und machen es möglich, vom Gegner nicht nur Land zu fordern, sondern etwa auch finanzielle Entschädigung. Jede Forderung hat einen bestimmten Kriegspunktewert, wobei das Limit von 100% Kriegspunkten niemals überschritten werden darf. Das bedeutet, dass man größere Reiche auch bei kompletter militärischer Besetzung gar nicht annektieren kann. Man kann nur eine begrenzte Anzahl an Provinzen fordern, erhält einen Waffenstillstand und muss dann eben später zurückkommen, um sich den Rest einzuverleiben.

Die hellgrünen Provinzen werden wir von den Engländern fordern. Bis der englische König akzeptiert, wird es einige Jahre dauern

Machtpunkte im Fokus

Die Machtpunkte (im englischen als „power points“ oder „monarch points“ bekannt) werden durch den eigenen Herrscher generiert und können durch Berater oder andere Boni erhöht werden. Neben Truppen und Geld stellen sie eine weitere ganz wichtige Währung dar, denn man benötigt die Machtpunkte nicht nur zum Erforschen von Technologien und zum Freischalten von permanenten Boni („Ideen“), sondern auch zum Integrieren von neu eroberten Provinzen – und für etliche weitere Aktionen.

Es gibt drei Kategorien von Machtpunkten – administrativ, diplomatisch und militärisch. Während die administrativen und militärischen Punkte selbsterklärend sind, werden Diplomatie-Punkte zu sehr unterschiedlichen Zwecken eingesetzt: Nicht nur für diplomatische Aktionen an sich, sondern auch für Handel, Seefahrt und Kolonisierung.

Links werden die aktuellen Machtpunkte dargestellt

Ideen sind auf lange Sicht sehr wichtig, da sie dem Spieler für eine einmalige Punkteinvestition mächtige permanente Boni gewähren. Die unterschiedlichen Ideen sind in 19 Gruppen zusammengefasst, von denen 17 jeder Nation zur Verfügung stehen (dann gibt es noch die Plutokratie- und Aristokratie-Ideen, deren Verfügbarkeit von der eigenen Regierungsform abhängt).

Immer dann, wenn drei einzelne Ideen gekauft wurden, schaltet man automatisch eine spezielle nationale Idee frei. Diese nationalen Ideen sind je nach Land vordefiniert und sollen etwa dafür sorgen, dass Preußen stets eine gute Armee und Großbritannien immer eine gute Flotte hat. Für die meisten Länder sind nationale Ideen aber nicht so ausschlaggebend, dass man mit ihnen besondere Strategien verfolgen könnte.

Eine Übersicht aller Ideen-Gruppen

Deficit Spending, ja bitte

Da Kriege in Europa Universalis IV extrem teuer sind, ist es durchaus üblich, im Early Game erst einmal Geld zu verlieren. Wenn die eigene Schatzkammer leer ist, kann man sich mit Krediten behelfen. Verfügt man bereits über ein relativ großes Herrschaftsgebiet, dann kann man seinen Staat erstaunlich lange mit Krediten finanzieren, bevor irgendwann der Bankrott droht. Erhöht man aber in der Zwischenzeit sein eigenes Einkommen (etwa durch lukrative Eroberungen), wird man wahrscheinlich sämtliche Kredite zurückzahlen können – und steht am Ende besser da, als wenn man gar kein Risiko eingegangen wäre.

In Europa Universalis gibt es übrigens auch ein Gebäudesystem, das aber zu Spielbeginn nicht besonders wichtig ist. Erst im weiteren Spielverlauf nehmen Gebäude eine zentrale Rolle ein, da sie dann das eigene Einkommen und die Rekrutenreserve drastisch erweitern oder auch die Kapazität der Regierung erhöhen können (letzteres ist besonders wichtig für expansionistische Herrscher, die sehr viele Provinzen erobern). Es ergeben sich hier also kaum Nachteile, wenn man den Ausbau der eigenen Provinzen im Early Game vernachlässigt.

Ein bisschen Entdecker-Atmosphäre

Europa Universalis spielt im Zeitalter der Entdeckungen und das spiegelt sich auch in den Spielmechaniken wieder. Zu Beginn kennt jede Nation nur einen Teil der Welt – unbekannte Gebiete kann man mit einem Entdecker oder Conquistador erforschen. Dabei kann man „leere“ Provinzen mit einem Kolonisten in Anspruch nehmen und somit ohne Krieg expandieren.

Portugal verfügt als einziges Land sofort über einen Entdecker. Mit diesem erforschen wir hier Westafrika

Für die Atmosphäre von Europa Universalis ist dieses Feature bedeutend, da es einem etwa erlaubt, die Entdeckungsfahrten der Spanier und Portugiesen und die Eroberung Amerikas nachzuspielen. Rein spieltechnisch gesehen ist das Kolonisieren für einige Nationen wichtig – zum Beispiel in Westeuropa, Afrika und Südostasien – und für viele andere Nationen vernachlässigbar. Positiv ist, dass sich das Spielen einer kolonialen Macht tatsächlich anders anfühlt als eine Partie mit einer normalen Landmacht. Das erhöht den Wiederspielwert.

Bei Erfolg kommt die Koalition

Wer seine Feinde besiegt und deren Provinzen einnimmt, generiert Aggressive Expansion (AE). Dieser Wert ist quasi eine Art soft-cap für erfolgreiche Eroberer. Hat man erst einmal bei mindestens vier Nationen einen AE-Malus von 50 generiert, können sich diese in einer Koalition zusammenschließen und den Spieler gemeinsam angreifen. Dabei ist man dann gezwungen, alle Gegner auf einmal zu bekämpfen – das Schließen eines Separatfriedens ist anders als bei normalen Kriegen nicht möglich.

Die KI kann übrigens selbst zum Ziel einer Koalition werden, ist aber in der Regel so vorsichtig, dass das nicht vorkommt.

Es ist eine große Herausforderung (und ein großer Spaß), die KI so zu beeinflussen, dass sie keine Koalition gegen den Spieler gründet. Dies ist etwa möglich, indem man einen Diplomaten schickt, um die Beziehungen zu verbessern oder um sich vorausschauend mit einer KI zu verbünden, die sich ansonsten nach dem nächsten Krieg einer Koalition anschließen könnte. Auch das Manipulieren von Waffenstillständen ist möglich, denn die KI kann keiner Koalition gegen ein Land beitreten, mit dem sie noch einen gültigen Waffenstillstand besitzt.

Mitunter muss man also einen bestimmten Gegner angreifen, um einen neuen Waffenstillstand mit ihm zu generieren und somit die Koalition zu verhindern. Das klingt paradox, funktioniert als Spielmechanik aber großartig.

Unsere AE gegenüber Aragon beträgt 427 und auch der Rest Europas ist leicht rot gefärbt (das bedeutet: sie mögen unsere Expansion nicht)

Allgemein wird das ohnehin schon komplexe Diplomatiesystem durch das Koalitions-Feature noch eine ganze Ecke komplexer gemacht. Man muss sich mit diesem Feature aber erst nach erfolgreichen Eroberungen auseinandersetzen.

Ich halte dieses Feature für ein absolutes Highlight von Europa Universalis IV, da man wirklich kreative Möglichkeiten hat, um Koalitionen zu verhindern – aber ein kleiner Fehler schon zum totalen Scheitern führen kann. Das Spiel erreicht hier eine unglaubliche Tiefe, wie es etwa Crusader Kings mit seinen Charakter-Interaktionen schafft. Bei Europa Universalis stehen eben nicht die Charaktere oder die Verwaltung eines Reiches im Vordergrund, sondern eindeutig die Expansion.

Weitere Inhalte

Europa Universalis IV beinhaltet etliche weitere Features wie zum Beispiel Religion, Rebellen, Handel, Institutionen oder das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (HRR). In letzterem gibt es dutzende an spielbaren Fürstentümern, die sich um die Kaiserkrone rangeln. Wer den Kaisertitel innehat, erhält spezielle Möglichkeiten zur Reform des HRR, die letztendlich sehr mächtig sind. Neben der bereits erwähnten militärischen und kolonialen Expansion gibt es hier also einen dritten, diplomatischen Weg zum Erfolg.

Das HRR. Grün markiert sind normale Mitglieder („Prinzen“), Kurfürsten sind orange, Österreich ist Kaiser

Was man bei Europa Universalis nicht unerwähnt lassen kann, sind die Massen an DLCs, die seit dem Release des Spiels im Jahr 2013 herausgebracht wurden. Diese können für neue Spieler ein Hindernis darstellen, denn es ist schwierig zu überblicken, wie relevant die einzelnen DLCs sind. Neben „Immersion Packs“ wie Third Rome, die nur für bestimmte Regionen interessant sind, gibt es nämlich auch Erweiterungen wie Art of War, die für alle Nationen wichtige Features hinzufügen. Dazu gibt es noch DLCs wie Cradle of Civilization, die beinahe Immersion Packs sind, aber hier und da ein allgemeingültiges Feature im Gepäck haben.

Inzwischen besteht die Möglichkeit, mit der Europa Universalis IV Subscription ein monatliches Abonnement abzuschließen. Hierfür muss man das Grundspiel bereits besitzen und starten – im Hauptmenü bekommt man dann die Option angezeigt. Offensichtlich funktioniert das aber nur bei Steam/Windows-Versionen. Den langfristigen Nutzen des Abonnements kann ich nicht beurteilen, aber es scheint eine gute Möglichkeit zu sein, um sämtliche DLCs preisgünstig zu testen.

Das Fazit

Europa Universalis IV ist…

… eine stark erweiterte Version des Brettspiels Risiko

… wie Total War ohne 3D-Schlachten (aber mit mehr strategischer Tiefe)

… das Dark Souls der Strategiespiele

… ein Alternate-History-Simulator für Geschichts-Fans

… ein mit Features vollgepacktes Spiel, bei dem man auch nach vielen Stunden noch etwas Neues entdecken kann

… ideal für Spieler, die sich gerne mental fordern lassen.

Europa Universalis IV ist außerdem…

… kein Civilization

… kein Aufbau-Strategiespiel

… und kein Spiel zur Entspannung.

Wertung

Grafik - 60%
Sound & Atmosphäre - 70%
Umfang - 100%
Spielspaß - 90%

80%

Spielstunden: unbegrenzt

Europa Universalis IV ist ein anspruchsvolles und extrem umfangreiches Grand Strategy Game.

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